Gonzales

Neulich - ich bin gerade bei meiner Mutter, die im Nachbarhaus wohnt, geht das Telefon. „Here is Gonzales, speak with Doris?" Mein Gott, was für ein Englisch. Doch ehrlich, nicht jeder kann wie ein Weltmeister schnacken. Tu ich auch nicht. Ich bin wohl nur mehr in Uebung, weil ich bei einem beknackten amerikanischen Multi - ich schaeme mich ja auch - schaffe und weil wir taeglich mit englischen Broschueren arbeiten. Richtig gut bin ich nur (im Englischen!), wenn ich besoffen bin - oder wie der Englaender vornehm sagt: tipsy. Dann kann ich wie ein Buch reden. Als wir im Sommer gegen eine Mannschaft aus Belfast spielten (Belfast kennst du doch - wenigstens von Boney M. Das ist der Song, der so unheimlich unter die Haut geht. Mir wenigstens.), und sich wieder keiner der Offiziellen um den Besuch kuemmerte, haben Chamaco und ich mit den Jungs einen ordentlichen Zug durch die Gemeinde gemacht. Da war mein Englisch perfekt. Ehrlich!

Chamaco wird auch Charmant genannt. Eigentlich heißt er Juergen. Frueher war er mal Milchhoeker in der Eppendorfer Landstraße. Er kennt Gott und die Welt. Ganz besonders auf dem Kiez. Da hat er auch mal ‘eine‘ laufen gehabt, bis ihm das wegen der anderen Zuhaelter zu heiss wurde. (Das ist aber einen andere Geschichte.) Charmant heißt er, weil er unheimlich viel Frauen aufreisst - auf die charmante Art. (Wenn ich ehrlich bin, finde ich es gar nicht so charmant). Erfolg hat er, aber hallo. Es laeuft zwar nicht mehr so wie frueher - Juergen ist schließlich auch schon 39, aber im Schnitt 3 mal in der Woche hat er heute noch Erfolg. (Da kriegst du ganz dicke Augen, was?) Chamaco kann zwar nur 5 Worte Englisch, aber dafür hat er noch 2 Arme und 2 Beine. Er ist mit der einen Gruppe von den Belfastern ins Salambo gegangen. (Kennst du doch. Da, wo auf der Bühne reichlich gebumst wird.) Da brauchte er auch nicht viel zu schnacken. Mit der anderen Gruppe bin ich über den Kiez gebummelt (weißt ja Bescheid: Palais d’Amour, Große Freiheit, Herbertstraße und so ...) und eingekehrt sind wir reichlich. Deswegen war mein Englisch auch so fluessig. Uebrigens Katharina war ganz schoen muksch. Denn als ich nach Hause kam, war sie mit den Kindern beim Fruehstuecken.

Das Stichwort Herbertstraße führt mich zu Gonzales zurück. Ich versuche ihm am Telefon klarzumachen, daß Doris noch in Rumaenien ist. - Doris ist meine Schwester. Ueber sie laeßt sich so viel erzaehlen, daß der Grosse Brockhaus lediglich zu schmalen Baendchen verkümmert. Sie hat kein Sitzfleisch und schwirrt dauernd in der Weltgeschichte herum. Jetzt in diesem Augenblick sitzt sie in einem Zug zwischen Leningrad und Helsinki. Sie ist in Burma genau so zu Hause wie in Suedwestafrika oder Bayern. Sie kann und macht alles. Ganz gleich, ob sie Kinder auf einer Karakul-Farm im afrikanischen Busch huetet, Sekretaerin in der Deutschen Schule in Windhoek ist, dem Vorstandsvorsitzenden einer großen Dichtungsfirma in Neu-Ulm zur Hand geht oder mit einer Oberprima in Oldenburg über religioese Fragen diskutiert. Ihr großer Fehler ist, daß sie zu ehrlich ist und es allen recht machen will. Aber verdammt: sie schafft es.

Die letzten vier Jahr hat sie als Reiseleiterin in Rumaenien gearbeitet, fuer so ein beknacktes Touristikunternehmen, das seine Reiseleiter am Hungertuche nagen laeßt, weil die doch alle kriminell sind und sich vor Ort genuegend Kohle nebenbei verschaffen. Nur Doris ist eben ehrlich und kann das nicht. Aber an Geld liegt ihr nichts. Als sie den Job als Reiseleiterin übernahm, verdiente sie glatt DM 1500,-- weniger im Monat, aber das war ihr egal. Hauptsache es macht Spass. - Und sie macht ihren Job baerenstark. Das kann ich bestaetigen, denn in diesem Sommer war ich mit der ganzen Familie am Schwarzen Meer in ihrem Hotel. Sie hat zwar 16 Stunden am Tag zu tun und ist u.a. dafuer da, daß die Urlauber ihren Aerger - denk nur daran, daß sie in einem Ostblockland arbeitet - bei ihr abladen. Aber den Optimismus, den sie ausstrahlt, das ist schon toll. Doris hat allerdings noch einen 2. Fehler: sie haelt nix von Maennern. (Nein, auch nix von Frauen.) Sie geht so in ihrem Leben auf, daß einfach kein Platz für eine zweite Person mit Exklusivanspruch mehr da ist. Wenn ich einmal sehr, sehr viel Zeit habe, dann gibt es ein besonderes Thema: Doris.

Also ich versuche Gonzales klarzumachen, daß Doris nicht da ist. „Das macht gar nichts", meint er, „Doris Bruder ist auch mein Freund." Auf einmal war das Gespraech tot. Aber kurz darauf klingelt es wieder. Gonzales ist wieder dran. Nach geraumer Zeit wird mir klar, daß er Seemann und das erste Mal in Hamburg ist. Sein Schiff liegt für 10 Tage im Dock. Da er nicht versteht, wie er zu uns kommen kann, schlage ich vor, daß wir uns irgendwo treffen. Er kennt nur eine Stelle in Hamburg: die La Paloma Bar in der Friedrichstraße. „O.K.", sage ich, „I will see you sharply 7 o’clock in front of - not inside - in front of the La Paloma Bar."

Also ich hin. Ich bin schon 10 vor 7 da.. Mein Gott, was für eine Gegend. Da ich voellig gegen meine Natur - stocknuechtern bin (Ich durfte mit Katharinas Auto fahren und da gilt natürlich 0,0 Promille.), ist die Gegend besonders deprimierend. Die La Paloma Bar liegt direkt am Hans-Albers-Platz. Ist ja auch eigentlich klar, wegen Haenschens Taube, die ich immer wieder gerne hoere. Aber die Friedrichsstraße, die auf den Hans-Albers-Platz führt, ist eine Parallelstraße zur Herbertstraße. Na, die Herbertstraße kennst du doch; das ist die Straße, die für Jugendliche gesperrt ist, und wo die Damen im Schaufenster sitzen und ihre Gunst anbieten. Ich weiß nicht recht. Bezahlt habe ich dafür noch nie, wenn ich mal von Katharina absehe. Bei ihr muss ich immer mein ganzes Gehalt abgeben. Ich bin ja ein moderner Ehemann. Frueher mußten die Ehemaenner am Freitag einen Handstand machen. Ich geb’ Katharina einen Blankoscheck.

Also nuechtern vor der Paloma Bar, das is’n Ding. Ich will ehrlich sein, ich hab oefters durch den Vorhang geschielt, denn da wurden Pornofilme gezeigt. Aber mein Intellekt sagt mir natürlich, daß man sich so etwas nicht ansieht: so etwas macht man! Einmal kam sogar die Bedienung vor den Vorhang. Oben ohne. Aber so arg aesthetisch war das nicht. Da ist Katharina mit ihren 3 Kindern noch um Klassen besser. Bei Katharina kannst du (Dich meine ich natuerlich nicht persoenlich, ich will sagen: man.) den Bleistifttest machen. Der faellt runter garantiert. Die ganze Zeit habe ich Schiss gehabt, daß mich jemand von der Firma sieht. Der wuerd’ doch glatt denken, ich arbeite nach Feierabend als Rausschmeisser vor der Paloma Bar. Aber dann habe ich mir gedacht, daß du da vielleicht noch viel Kohle kriegst. Und Geld ist ja schließlich (beinahe) das einzige noch, was Ansehen bewirkt in unser Gesellschaft. In Amerika, da stellen sie sich schon vor: „Gestatten, 50.000 $ Mann." Das kommt bei uns auch noch.

Also ich frier noch immer vor der Bar. Da Gonzales mir klar gemacht hat, daß er Doris in Konstanza kennengelernt hat, trage ich ein T-Shirt mit riesengroßen Lettern: Romania. Ich weiß ja nicht, was Gonzales für ein Kolping ist, aber an diesem T-Shirt muß er mich erkennen. Niemand, ausser den Maedchen, spricht mich an. Es ist schon halb acht. Da kommt einer, der einen manierlichen Eindruck macht, mit Anzug und so. „Are you Gonzales?", frage ich hoeflich. Sagt der: „Halt die Fresse!" Also die ganz feine englische Art war das nicht. Also steh ich weiter rum, schiele durch den Vorhang und friere - trotz der Filme. Langsam werde ich giftig. Aber es nutzt alles nichts. Gonzales ist nicht gekommen.


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Hamburg, den 15. November 2002