Der Schlips
Stell’ dir mal eine erzkonservative Firma vor. Hast du? Nein? Dann gib dir ein wenig Mühe. Und jetzt, das
kostet zwar unheimliche Anstrengung, stell’ dir vor - bitte jetzt Konzentration - , daß ich da mittendrin
bin. Ist tatsaechlich so. Ich bin in einem Laden, wo Franz Josef Strauß als linksrevolutionaer gilt. Rechts
von unserem Personalchef ist die Wand, aber nix dazwischen. Glaub mir, so sind auch die Leute, die dort
arbeiten.
Wieso ich da bin - und noch ein paar Beknackte - grenzt an ein Wunder. Entweder hatte der Personalchef
einen Anfall geistiger Umnachtung, oder ich habe wirklich mal einen guten Eindruck hinterlassen. Das ist
nun schon einige Jaehrchen her. Seit Adam waren stets die dummen in der Mehrheit. Jetzt noch einmal im
Original: Les sots depuis Adam son en majorite‚. (Hoert sich gut an, nicht wahr? Ist von C. Delavigne.)
Warum soll das bei uns in der Firma anders sein? Ausserdem koennen saemtliche Mitarbeiter am Tag gar
nicht so viel Scheiss machen, daß die Firma pleite geht.
Du kannst dir also vorstellen, daß ich einen schweren Stand habe. Die wollten mich auch schon loswerden.
Aber das ist natuerlich nicht ganz einfach. Aber zunaechst - das gebe ich gerne zu - bin ich aus lauter
Angst in die Gewerkschaft eingetreten. Nicht das ich glaube, da waeren lauter Intellektuelle drin ,die
den Stein des Weisen gefunden haetten. Aber manchmal hoeren sich die Leute ganz vernuenftig an, wenn
ich mir aber haeufiger mal echte Konfrontation wuensche. Aber die haben auch ‘nen Koedel in der Buex.
Nur der Juergen, er ist bei uns im Betriebsrat, ist ein Kaempfer. Hoffentlich wird er immer wieder gewaehlt
(wegen Kuendigungsschutz und so..), sonst ist er weg von der Rolle. (Aber das ist ein anderes Thema.)
Unser oeberster Chef ist zwar mit Helmut Schmidt in einer Klasse gewesen, aber glaub' man nicht, daß er
deswegen schon mal was vom Artikel 15 des Grundgesetzes gehoert hat. Wer über gewisse Dinge den Verstand
nicht verliert, hat keinen zu verlieren, sagt Lessing. Nun koenntest du mich fragen, warum ich aus dem
Scheissladen nicht schon lange verschwunden bin? Das ist eine schwere Frage. Als die mich loswerden
wollten, bin ich in eine Abteilung strafversetzt worden, wo - das glaubten die - ich es nicht packen
wuerde. Das ist aber eine baerenstarke Abteilung. Da sind lauter Spezialisten, die unheimlich Ahnung
haben. Und schlucken koennen die: drei mal die Woche (wenigstens) wird ein Kasten Bier geleert. Das ist
zwar verboten, aber wir ziehen unsere Steckuhr und sind dann privat da. Das ist zwar dann immer noch
verboten, aber man muß nur genuegend Kreuz haben. Außerdem sind alle Spezialisten - beknackt - wie
ich -, und haben sowieso eine Sonderstellung haben.
Ich arbeite in der Datenverarbeitung - an der Basis. Ich bin also echt ein Tintenpisser. Aber es macht
Spass. Und die Kollegen - die engeren - sind schon toll. Neulich hatte einer meiner Kollegen Jubilaeum;
da habe ich ein Gespraech von zwei Frauen, die Sektglaeser saeubern und wieder fuellen, gehoert. Die
eine Frau war aus dem 6. Stock von einem anderen Jubilaeum gekommen und war mit ihrer Arbeit schon fertig.
Da sagt die andere: „Du hast das vielleicht gut. Ich bin hier bei der beknackten Abteilung, die immer so
viel saeuft!" Das also ist schon mal ein Grund zu bleiben.
Zweitens gibt es auch ganz ordentlich Geld, sogar ziemlich ordentlich. Das ist in unser Wirtschaftsordnung
ja auch wichtig. Wenn auch nicht alles. Aber den wichtigsten Grund kann ich mit einem Zitat von Montesquieu
erläutern: „Tritt eine Idee in einen hohlen Kopf, so fuellt sie ihn voellig aus, weil keine andere da ist,
die ihr den Rang streitig machen koennte." Das macht den groessten Spaß: die Leute zu verscheissern. Es
wird einem aber auch leicht gemacht. Du brauchst nicht einmal, so wie ich, besonders schlau zu sein, um
deine Vorgesetzten vorzufuehren.
Jetzt ist euch wohl klar, daß mit Karriere bei mir nix ist. (Ich bin ja auch nicht katholisch - das ist
das Minimum bei uns für einen hoeheren Posten.) Aber das schlimmste ist wohl, daß ich keinen Schlips trage.
Bei uns läuft alles mit dunklen Anzug und Krawatte rum. Und ich mittenmang im Freizeitlook. Das ruettelt
echt an den Grundfesten. Locker und flocker strolche ich durch die Gaenge. Glaub’ mir, dass überstehst
du nur, wenn du keinen Fehler machst und gute Arbeit abgibst. Aber das ist ja nicht so schwer; bei
den Vorgesetzten.
Eine Ausnahme muß ich allerdings machen: Rudi ist seit kurzem unser Abteilungsleiter. Er hat einen schweren
Stand bei lauter Profis. Rudi macht seine Sache aber ganz ordentlich. Ausserdem hat er - wie ich - eine
Schwaeche für doofe Sprueche. Rudi kommt auch bei Eckard Henscheid auf Seite 62 und ganz zum Schluß vor.
Das ist ein Buch frei nach Dostojewski und heisst "Die Vollidioten". Auf Seite 62 bereitet er gerade
eine Kameradschaftsabend in Vechta vor. Ich hab Rudi gefragt; das stimmt gar nicht. Ich nehme an, daß
Henscheid ihn nur hat im Buch erwaehnen wollen, weil er ihn über die Pardon Redaktion kennt. Rudis
Cousin hat für Pardon gearbeitet. (Dass Rudi hat bei uns anfangen können, ist offensichtlich auf das
totale Versagen der Personalabteilung zurückzufuehren.) Ganz zum Schluß wird er noch einmal erwaehnt,
weil er DM 10,- für das Buch, das im übrigen sieben beknackte Tage innerhalb der Pardon Redaktion
beschreibt, geloehnt hat. Der Eckhard Henscheid hat naemlich sein Buch auf Bestellung geschrieben.
Jeder, der im Voraus DM 10,- bezahlt, kriegt das Buch anschließend geschickt. Das ist natürlich
revolutionaer. Und Rudi ist mittendrin. Das ist baerenstark, auch wenn er katholisch ist.
Doch zurueck zur Krawatte. Neulich war ein Kursus bei uns im Haus. Ich war Teilnehmer und Kursbetreuer.
Das letztere habe ich aber erst einen Tag vorher erfahren. (Dolle Leistung meiner Vorgesetzten.) Das war
natuerlich reichlich spaet, zumal man seit 3 Monaten wusste, daß dieser Kursus stattfinden wuerde. Das
habe ich natürlich auch geschafft, wenn auch mein Hauptabteilungsleiter stinksauer war, daß ich Kuchen
zum Kaffeetrinken bestellt hatte. Das kostet ja Geld! Aber nun stell dir vor, da waren Leute aus Amerika,
aus Italien, England, Frankreich, Schweden ... Es waere eine Schande, wenn ich keinen Kuchen bestellt
haette.
Mein Hauptabteilungsleiter - ein Buchhalter vor dem Herrn, ein kleinkarierter, der unheimliche Angriffsflaechen
bietet, wirft mir vor, daß ich als Repraesentant unser Firma doch einen Schlips tragen muesse. Am naechsten
Morgen bin ich dann mit dem Schlips in der Hosentasche vor die Kursteilnehmer getreten und hab’ gesagt
(Natürlich auf Englisch; ich bin ja schlau.): „Mein Chef ist der Meinung, daß ein Zusammenhang bestehe
zwischen meiner Leistung und dieser Krawatte." Dann habe ich mir den Schlips umgebunden und gesagt: „ Ich
hoffe, daß die Kursbetreuung jetzt um Klassen besser wird!" Das kann ich natuerlich nicht beweisen. Aber
als ich spaeter mit dem Schlips durchs Haus gegangen bin, war ich die Sensation. Ehrlich!
Ich bin natuerlich auch zu erreichen unter: |
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Hamburg, den 15. November 2002