Vom Dichten

Du kennst doch den Spruch: „Ich stehe auf einer Bruecke am Rhein und trinke vom heurigen Wein." Sagt der andere: "Ich stehe auf einer Bruecke am Rhein und steck’ mir den Finger in den Arsch." - „Aber das reimt sich doch gar nicht!" „Das stimmt zwar," sagt der andere, „aber es dichtet!"

Ich will nun nicht von meinen Versuchen als Klempner berichten, als unser Wasserhahn in der Kueche nicht mehr tat, und ich dann wie ein Weltmeister in den Keller gesprintet bin, um die zentrale Wasserzufuhr abzustellen. Das hat aber nichts genutzt. Die Küche stand unter Wasser. Um ehrlich zu sein, lag das nicht an meinen Sprintkuensten. Die sind noch ganz gut. Ich spiel’ ja nicht nur Wasserball, - was den Vorteil hat, daß man sein Gewicht nicht zu tragen braucht. (Du erinnerst dich doch: Auftrieb ist gleich dem Gewicht der verdraengten (!) Fluessigkeit.) Nein, ich bin auch Basketballer. 1x die Woche, jeden Dienstag von 15:30 bis 17:00 Uhr. Ich spiel’ zwar den Basketball der kurzen Wege, d.h. ich lauf nicht jedesmal zurueck. Aber man muß dem Gegner auch was goennen: wenn er keine Tore (pardon: Koerbe) mehr wirft, dann verliert er doch die Lust. Merkst du was: man kann sogar mit seinem dicken Bauch motivieren. Außerdem kann ich viel besser Mueller-Körbe abstauben. Ich tu’ kleines dickes Muellerchen ein wenig unrecht, aber er war u.a. ein großer Abstauber vor dem Herrn. Ueberhaupt kein Vergleich mit Ivan Buljahn oder Kevin Keegan.

Nun will ich nicht schon wieder vom Fussball anfangen. Das ist ein besonderes Thema. Ich wollte nur klarmachen, daß ich noch sprinten kann. Echt. Die Kueche war aber doch unter Wasser! Und in den Keller hat es geleckt, weil ich das Loch für das Elektrokabel von unser Spuelmaschine natürlich nicht abgedichtet hatte. Oh, das war vielleicht ein Scheiss. Nein, ich konnte nicht an die Wasseruhr kommen, weil da so viel Geruempel rumlag. Du weisst doch: nur wer zu faul zum suchen ist, raeumt auf! Kannst du auch nichts wegschmeissen? Hausbesitzer und Kleingaertner koennen immer alles gebrauchen. Ich hab den Wasserhahn auch letztlich gefunden. Und ich schwoer, wenn ich jetzt mit dem Schreiben Schluss mache, dann raeume ich auf.

Dann hatten wir erst einmal lange kein Wasser. Das ist auf dem Scheisshaus besonders unangenehm. Aber ich will nicht abschweifen. Einen neuen, gebrauchten Hahn habe ich dann von Klaus, einem Arbeitskollegen, bekommen. Der Klaus ist nicht nur ein unheimlicher Experte in der EDV, sondern auch handwerklich geschickt. Der hat in Hamburg Niendorf ein 10 Jahre altes Haus mit 8 Zimmern gekauft. Enorm billig. In jedem Zimmer war ein Waschbecken. Da haben 8 Studenten gewohnt. Alles war ein wenig verwohnt (ich hab nichts gegen Studenten), daher konnte er das Haus praktisch geschenkt kriegen. Und was wichtig ist, - er hatte genug Wasserhaehne.

Doch eigentlich wollte ich vom richtigen Dichten schreiben. Nicht so einfach handwerklich, was ja auch ganz wichtig ist, sondern richtig: mit Reim am Ende. Und wenn ohne Reim, dann doch richtig mit Versmaß. Hexameter und so. Gelegenheit dafür gibt es ja haeufiger, als du denkst. Gerhard, auch ein Kollege, der hat sogar jeden Tag einen Original-Limmerick - wie es sich gehört: auf Englisch - produziert. (Gerhard kann aber auch ganz gut Englisch. Er macht sogar auf Podiumsdiskussionen an englischen Universitaeten mit - z.B. über die Bedeutung von Data Dictionnairies in der EDV. Das habe ich bis heute nicht einmal auf Deutsch begriffen.) Die Limmericks hat er nicht nur 14 Tage, sondern monatelang produziert. - Ich war dabei, wir haben naemlich zusammen in einem Zimmer gesessen. Gerhard ist sowieso einer, das kann ich dir sagen. Das ist eigentlich ein Thema für sich und ich komm’ bestimmt darauf zurueck. Der hat auf jeden Fall viel mehr Mut als ich und verscheissert seine Vorgesetzten nach Strich und Faden. Schade nur, daß die das meist nicht merken. Das Schoene an Gerhard ist, daß du nie etwas 2X erklaeren musst. Der begreift sofort. Und das ist ganz schoen selten.

Also Gelegenheit zum Reimen sind da. Und wenn es nur zum verscheissern ist. Aber jetzt ehrlich: einmal im Jahr zu Weihnachten machen wir mit dem Kegelclub ganz buergerlich ein Gruenkohlessen - unsere Weihnachtsfeier. Julklapp. Mit Versen für das Opfer, bzw. für den dir zugelosten Kegelbruder oder zugeloste Kegelschwester. Hier bleibt der Dichter geheim. Das ist zwar schade, wenn ich daran denke, was für exzellente Reime ich gemacht habe, aber man kann natuerlich reichlich Spitzen loswerden. Doch bleibt alles im Rahmen. Nur wenn ich Guenter mal kriegen sollte, dann ziehe ich vom Leder. Über Guenter kannst du ein ganzes Buch schreiben - sehr gut kommt er da aber nicht weg. Ist also ein Thema für sich.

Mein erstes Gedicht war ein „Gott sei Dank"-Gedicht. (Die Idee habe ich irgendwo geklaut, weiß allerdings nicht mehr bei wem.) Das sind alles Zweizeiler, die am Ende mit „Gott sei Dank" aufhören. Ich sag mal ein Muster: „Die Apo (ich mein die Apollinaris) war sehr oft ihr Trank, jetzt saeuft sie wieder - Gott sei Dank." - Das hat natuerlich alles einen bestimmten Hintergrund. Hier war es eine langwierige Magengeschichte, die Christa hatte und die nun - Gott sei Dank - vorbei ist. Wenn du willst, kann ich dir 3 Dutzend Woerter nennen, die sich auf ‘Dank’ reimen, denn mit einem Zweizeiler ist es ja nicht getan. Und zum Schluss kommt dann noch der Zweizeiler: „Lieber Gott verzeih’ mir meinen Drang. Auf Teufel reimt sich’s schlecht. Dir Gott, sei Dank."

Es ist klar ersichtlich, daß ich Rilke bei weitem in den Schatten stelle. Mein zweites Julklapp-Gedicht war ein ABC-Gedicht. Die Idee könnte zwar auch von mir stammen. Tut sie aber nicht. In ‘Mein Großvater und ich’ von James Kruess habe ich das gefunden. Es ist zwar ein Buch für Kinder, aber wenn du dies hier liest, solltest du das auch unbedingt lesen. Also ein ABC-Gedicht fängt in jeder Zeile mit einem neuen Buchstaben an und zwar in der Reihenfolge des ABC’s. Ganz so leicht habe ich mir das natuerlich nicht gemacht. Ich hab 2-Zeiler geschrieben, wobei jede 2. Zeile -wie oben erklaert - mit einem neuen Buchstaben anfaengt.

Goethe ist ein echter Waisenknabe! Ich reime wie ein Weltmeister. Vor vier Wochen hatten wir eine Abteilungsfeier. Ich musste sie organisieren. Da bin ich Profi drin. Wir haben gekegelt und reichlich geschluckt. Mein Gott, war das ein Besaeufnis. Für jeden gab’s einen Preis - verbunden mit einem gereimten Spruch. Alles 6- bis 8-Zeiler. Ich hab mich maechtig ins Zeug gelegt. Die beiden letzten Zeilen waren stets ein Hinweis darauf, einen auszugeben, z.B.: „Diesen Preis, das sag’ ich dir, gibt’s nur für ‘ne Rund Bier!" Die Stimmung war baerenstark und wir alle fuerchterlich besoffen. Wo wir gerade am reimen sind: „Klein’ machen und besoffen sein - ist armer Leute Sonnenschein." (ganz alter Spruch!)

Anlass zum Dichten gibt’s also reichlich. In der Firma mußte ich ein Jubilaeum organisieren. Du weißt doch, ich bin Profi. Da habe ich eine Festzeitschrift gemacht mit über 70 Seiten. Alles Reime; da hat mir aber Kalli geholfen. Wochenlang habe ich mich in den Keller verzogen, wo ich mein Arbeitszimmer habe. Glaub’ aber nicht, daß das ein nuechterner Raum ist. Nein, da ist es urgemütlich mit 1002 Krimskrams-Sachen. Ein Bett steht auch drin. Und immer, wenn ich nicht mehr ganz nuechtern nach Hause komme, schleiche ich mich nach unten, um da zu schlafen. Katharina sagt, ich schnarche so, wenn ich besoffen bin. Ich kann das aber nicht bezeugen. Einmal hat sie aus Verzweiflung, weil sie nachts nicht schlafen konnte, das Schnarchen auf Tonband aufgenommen. Am naechsten Morgen ist der Ole, unser Juengster, vor Schreck in die Ecke gesprungen, weil er ein wildes Tier zu hoeren glaubte. So wird man verkannt. Also mein Zimmer im Keller ist baerenstark. Das hat sogar schon Ehekrach gegeben, weil Katharina auch so ein Zimmer haben will. Aber das ist wieder ein Thema für sich. Eigentlich zwei Themen: Katharinas Zimmer und der Ehekrach (im allgemeinen und im besonderen).

Also in dieser Jubilaeumszeitschrift habe ich sogar den ‘Faust’ auf Vordermann gebracht und in die Neuzeit versetzt. Aus „Habe nun, ach, Theologie..." na ja usw.... wurde „Habe nun, ach, Computerei und Job Control ...". Der Vortrag der Festzeitschrift war eine echte Multi-Media-Show. Gab natürlich auch viel Lob. Aber mehr Geld waere mir lieber gewesen. Aber da will ich jetzt gar nicht von anfangen. Das ist ein Thema für sich. - Aber das dollste kommt noch. Da ich ein Beknackter bin und somit auch eine Schwaeche für alles Beknackte habe, leihe ich mir von Rudi, du weißt doch: mein Chef, die Erstausgabe von Titanic, die neue satirische Wochenzeitschrift. Ehrlich, ich bin froh, daß ich sie mir nur geliehen habe. Das Niveau ist mir nicht doof genug. Gut ist eigentlich nur der nackte Tagesschausprecher, der wie die Bild - oh nein, da wollte ich nicht von anfangen, das ist doch ein Thema für sich - der wie Bild seine Meldungen selber produziert. Und gut ist Eckhard Henscheid’s (du erinnerst Dich doch an Dostojewski’s - pardon Henscheid’s Vollidioten?) Hymne an Bum Kum Cha. Bum ist der Rechtsaussen von Eintracht Frankfurt, kommt aus Suedkorea und wird in der Hymne unheimlich hochgelobt. Und alles schoen mit Versmaß - ohne Reim, dafür mit reichlich altgermanischer Alliteration. Einfach baerenstark. Das war wohl nichts mit meinem schlaffen ABC-Gedicht. Doch glaub’ man nicht, ich kriege Minderwertigkeitskomplexe. Ich bin als Original geboren und will auch als Original in die Kiste springen. Ich hoffe nur, du bist keine Kopie (geworden)? Aber das ist ein Thema für sich. Meinem naechsten Julklapp mache ich auch eine Hymne - es sei denn, ich krieg’ Guenter - und dann ziehe ich wenigstens mit Eckhard Henscheid gleich.

P.S.: Heute, ein paar Tage nach denen ich den obigen Duennschiß produziert habe, faellt mir wieder Ruehmkorf’s „Über das Volksvermoegen" in die Haende. Du magst über Ruehmkorf denken, wie du willst, er ist schliesslich auch schon 50 geworden: seine Beitraege in ‘Konkret’ und ‘Dasda’ sind so schlecht nicht. Er gehört halt zum linken Establishment mit allen Vor- und Nachteilen. Daß er links ist, finde ich nicht so besonders. Wenn einer auch nur für 5 Pfennig Verstand hat, muss er das ja sein. Nun kannst du auch sagen, daß die CDU - eigentlich wollte ich ja nicht von Rechtsextremen reden - und SPD ein paar schlaue Koepfe haben. Das stimmt, aber hast du schon einmal von Opportunismus (eiskaltem, bei der CDU) gehoert? Nun - um ehrlich zu sein - das ist ein Thema für sich.

Das „Volksvermoegen" ist eine Sammlung von Volkspoesie, die ich baerenstark finde. Du fuehlst dich echt in deine Kinderzeit zurückversetzt. Nicht etwa, daß die Zusammenstellung vollstaendig waere: die 300 Frau-Wirtin Verse, die ich immer noch drauf habe, sind laengst nicht alle erwaehnt. Oder Bonifatius Kiesewetter mit seiner wunderbaren Moral am Ende (z.B.: „Scheisse in den Radioroehren tut den Empfang betraechtlich stoeren.") findet keine Beachtung. Auch Koenig Ramses mit seiner Tochter Isis („Kind, wir stehn vor einer Krisis.") scheint der gute Peter nicht zu kennen. Aber dennoch baerenstark. Die geschwollenen Erklaerungen zwischendurch kannst du vergessen. Das gibt dem Ganzen zwar einen wissenschaftlichen Anspruch, aber wer’s mag, mag’s moegen. Salcia Landmann hat auch ein wissenschaftliches Werk über den juedische Witz geschrieben. Veroeffentlicht wurde aber noch ein zweites, für Manager Laien und Theologen, wo nur die Witze drinstanden. Aber ein sich ernstnehmender Schriftsteller muß dem ganzen Schlumpatz wohl einen serioesen Anstrich geben. Doch wenn du nur die Sprueche liest, kommst du voll auf deine Kosten. (Es ist ein RoRoRo Band Nr. 1180. Das hat nix mit Kaiser Barbarossa zu tun, auch wenn er nach dem Krieg gegen den Löwen-Heinrich 1180 ganz schoen wichtig war. Es hat auch nichts damit zu tun, daß im 12. und 13. Jahrhundert die Bluetezeit der mittelhochdeutschen Dichtkunst war (denk nur an Eschenbach, den harten Mut von der Aue oder Walther (!), Walther von der Vogelweide. Nein, erstens wird „Unter den Linden auf der Heide ..." in dem Buch gar nicht erwaehnt, was ich schade finde, weil es mich als Jungbursche stark beeindruckt hat. (Uebrigens heißt meine Katharina mit 2. Namen Heide und sie ist immer stocksauer, wenn ich singe: „Im Wald und auf der Heide, da hab’ ich meine Freude.") Und nun zurück zu zweitens: entgegen aller Beteuerungen ist Barbarossa ein elender Kunstbanause, der verdientermaßen dann auch in Kleinasien ersoffen ist. Und das bei einem Kreuzzug!)

Also ein Rowohlt-Buch kannst du dir schon mal leisten. Ich will hier keine Reklame für diesen Verlag machen. Ab und dann bringen sie ja etwas Lesenswertes. Das gilt auch für die EVA; woll’n mal abwarten, was geschieht, nachdem der DGB seine Mehrheitsbeteiligung abgegeben hat. Doch zurueck - ich will ja nicht abschweifen - zum „Volksvermoegen", das auch eine Menge kleiner Schweinereien bietet. Nur um dir den Mund ordentlich waesserig zu machen, will ich dir zwei Sprueche zitieren: „Maedchen, die die Wimpern pinseln, meistens auch beim Pimpern winseln." oder „Antibabypille, fauler Zauber! Ajax haelt das Becken sauber."

Jetzt weißt du, warum ich so gerne reime; denn das Volk, das bin ich. Wenigstens ein büschen.



Ich bin natuerlich auch zu erreichen unter:

Klaus@Katzenstein.de

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Hamburg, den 15. November 2002